Mittwoch, 5. April 2017

Was hat digitale Gesellschaft mit mir zu tun?

 

Jedes Jahr in der Weihnachtszeit läuft in der ARD „Der kleine Lord“, der britische Fernsehfilm, in dem der kleine Lord Cedric, der liebevoll Ceddie genannt wird, das griesgrämige Herz des alten Earl of Dorincourt erweicht. Aber was hat „Der kleine Lord“ mit unserer digitalen Gesellschaft zu tun?

 

 

Der kleine Lord und das digitale Zeitalter


Der digitale Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Die technologischen Entwicklungen passieren so schnell, dass kaum ein Otto Normalverbraucher Schritt halten kann. Roboter übernehmen für uns die Arbeit, Computer berechnen Diagnosen und ermöglichen Aktienhandel ohne menschliche Beteiligung. Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Der Fortschritt macht ganze Berufsgruppen überflüssig. Zwar entstehen auch neue Berufe, aber in welchem Verhältnis stehen die Dinge? Wer braucht einen Roboter für die Altenpflege? Wo bleibt denn da die Würde?

Dabei entfernt uns der Fortschritt auch vom Mensch sein. Wir kommunizieren via Smart-Phone, lassen uns die Zeitung aufs Tablet liefern, bringen den Kollegen Geburtstagsgrüße via E-Mail, die sich brav auf elektronischem Weg bedanken. Aber den Namen unseres Nachbarn, den kennen wir nicht, oder wir grüßen ihn lieber nicht, weil wir nicht wissen, ob wir nun ch wie ‚ch‘ oder wie ‚ch‘ sprechen sollen. Wir empfangen Geburtstagsgrüße von Freunden, von denen wir gar nicht wissen, ob die sich an unseren Geburtstag überhaupt erinnern würden, wenn nicht Facebook sie zum Gratulieren auffordern würde. Plattformen wie Facebook, dessen Grundgedanke in dem menschlichen Näher-Zusammenrücken lag, entfernen uns dabei nur weiter von der Menschlichkeit. Was ursprünglich dazu beitragen sollte, die Menschen enger zusammenzurücken und eine offene Gemeinschaft zu fördern, entpuppt sich mehr und mehr als Plattform, alles ungeprüft und gedankenlos aufzunehmen. Zum Nachsinnen bleibt bei der Informationsflut ja auch keine Zeit. Wir hinterfragen News nicht mehr so oft, ob sie denn echt sind, denn ist nicht alles ein bisschen Fake-new? Sogar Fernsehsender springen auf den Zug mit den ungesicherten Informationen auf, weil sie auf jeden Fall zu den ersten gehören wollen, die eine Information herausgeben. Vorreiter-Konstruktionen wie „Ich wollte dich nicht stören, aber…“ sorgen emotional dafür, dass der Gesprächspartner genau das empfindet, was man eigentlich vermeiden wollte, nämlich, dass er sich gestört fühlt. Sätze wie „Diese Informationen sind keineswegs gesichert.“ könnte sich die Presse auch gleich sparen, weil sie schlicht überhört werden und eben doch irgendwie als echt angesehen werden. Vielleicht nicht von den großen Denkern der Nation, wohl aber von vielen TV-Konsumenten abends um acht auf der Couch.

Wir stehen vor der digitalen Blase, der Fortschritt ist nicht aufzuhalten und wir bekommen immer weitere Entwicklungen vorgelegt, die die Menschheit weiterbringen sollen. Wer aber ist die Menschheit, die Gesellschaft? Wenige Reiche, die sich Roboter-Mediziner und elektronische Diener leisten können? Der kleine Mensch, der das Bedürfnis nach Gleichheit, Nähe und Geborgenheit hat, bleibt doch da auf der Strecke.

Einige wenige geben den Takt vor und viele, viele tapsen ruhelos umher, wie die Untergebenen unter dem Earl von Dorincourt aus „Der kleine Lord“.

Die einfachen Leute leben in der Gosse (oder im anonymen Hochhaus am Rande der Stadt), trinken aus stinkenden Rinnsalen krankmachendes Wasser (oder Cola), sind kaum in der Lage, sich selbst zu helfen (und bekommen deshalb Lebensmittel von der Tafel), geschweige denn Anderen ihre Nächstenliebe zu zeigen (sie bilden lieber keine Rettungsgasse). Und dann werden sie von der Hoheit auch noch mit regelmäßigen Besuchen gequält, die ihnen vermittelt, sie sollen sich eben alle mehr anstrengen. Die Pacht wird nicht erlassen, und wenn es den Bauern das Leben kostet. Keine Gnade.

Es braucht dringend einen Kleinen Lord, einen liebenden kleinen Kerl, der die Missstände aufgreift und den Verantwortlichen unter die Nase reibt, bis sie einsehen, dass die armen Leute sich eben nicht selbst helfen können. Menschlichkeit, Liebe, Nähe, Geborgenheit, Freundlichkeit und Zuvorkommen sind Eigenschaften, die sich nicht digitalisieren lassen, niemals. Aber solange weiter ruhelos digitalisiert und automatisiert wird, bleibt der kleine Lord noch im Verborgenen. Trotzdem, es braucht einen mutigen Politiker (oder zwei oder drei), der den Fortschritt reguliert. Jemanden, der das Ganze bremst, bis es umgekehrt werden kann oder die Folgen abschätzbar sind. Wem nützt denn die Flut von oben, wenn unten alles nur überschwemmt und mitgerissen wird? Jemand, der die Macht hat, sollte das mal bremsen.

 

 

Welche Rolle spielt jeder Einzelne?


Zugegeben, der kleine Ausschweif in die digitale Blase war nun doch sehr lang. Wer es bis hierhin geschafft hat, zu lesen, hat sich vielleicht schon selbst gefragt, was diese digitale Gesellschaft mit ihm selbst zu tun hat und inwieweit wir alle dazu beitragen, dass es immer so weiter geht. Erwarten wir nicht den medizinischen Fortschritt? Die Speichererweiterung unseres Smartphones, den schnelleren Internetzugang? Wer bestellt denn Lebensmittel im Internet, weil er keine Zeit zum Einkaufen hat? Oder weil er das ganze Zeug nicht schleppen will? Wer sucht seinen Partner im Internet? Wir alle. Jeder Einzelne. Jeder Einzelne profitiert in irgendeinem Bereich von der Digitalisierung. Auch ich.

 

 

Was bedeutet die digitale Gesellschaft für mich persönlich?


Ich selbst kann nur von mir sprechen und nutze dabei nur einen geringen Teil der digitalen Errungenschaften. Die bringen mich aber persönlich weiter. Und so trägt jeder seinen Teil dazu bei, dass es immer so weiter geht. Der eine braucht einen leistungsstarken Computer, um mit anderen zu spielen, der andere benötigt unbedingt das neueste Navigationssystem im Auto, damit er auch in Neubaugebieten immer ans Ziel kommt. Ein Dritter kann nicht einschlafen, ohne seinen digitalen Freunden eine Gute Nacht gewünscht zu haben. Jugendliche kommunizieren über WhatsApp als würden sie sich gegenübersitzen.  

Ich nutze das selbst auch alles. Ich lache, wenn ich eine lustige Nachricht von entfernten Freunden bekomme. Wenn mein Mann auf Dienstreise ist, dann zeigt er mir per Video-Chat sein Hotelzimmer, ich bin live dabei. Das ist doch toll. Und wenn ich Informationen suche, dann kuschele ich mich auf meine Couch und tue das eben. Will ich ein Buch lesen, muss ich dazu noch nicht einmal in die Bibliothek gehen. Ich lade es per Onleihe direkt auf mein Smartphone und schon bin ich im Bilde, und das fast ohne Kosten.

 

Spirituelle Entwicklung wird erleichtert

Ebenso verhält es sich mit den spirituellen Informationen, die ich eigentlich immer im Internet gesucht habe. Die meisten Bücher, die ich zum Thema gelesen habe, bevor dieser Blog überhaupt einen Gedanken wert war, habe ich im Internet heruntergeladen und in digitaler Form auf meinem Smartphone jederzeit abrufbar gehabt. Aus der Fülle an Informationen das für mich passende herauszufiltern, fiel mir dank digitalen Kanälen leichter, als wenn ich mühsam alles von Angesicht zu Angesicht in Erfahrung hätte bringen müssen.

Der spirituelle Weg ist immer ein Individueller. Keine Religion, kein Guru, keine Weisheit kann hier den Weg entscheidend weisen. Spiritualität ist für mich so individuell wie der Fingerabdruck. Zwar gibt es Kanäle von außen, die uns heranführen an das Thema, aber wirklich weise bin ich erst, wenn ich eine Wahrheit auch als für mich wahr erkannt habe. Die Gebote wie „Du sollst nicht…“ oder „Du sollst…“ bekommen ihren vollen Wert erst dann, wenn ich sie selbst anerkenne und mich aus eigenen Stücken daran halten möchte. Ein Gebot, das ich mir selbst auferlegt habe, ist in diesem Zusammenhang mehr wert als eines, dessen Einhaltung ich nur blind befolge. Es ist wichtig, dass wir uns neben den gesellschaftlichen Regeln auch eigene, unsere individuellen Ratschläge geben, damit wir das Gefühl haben, das Getane für uns zu tun.

Wenn wir mit den vielen spirituellen Richtungen konfrontiert werden, erschlägt uns das vielleicht, aber es hilft auch, schneller  an die richtigen Informationen zu kommen. Ich merke beim Lesen oder Video anschauen schnell, was mich bewegt und wo ich weiter nach Details suchen möchte. Ich fühle mich zu den buddhistischen Themen und spirituellen Ritualen eher hingezogen als zum Christentum, weiche aber von meiner christlichen Prägung letztendlich nicht ab, weil es mir leichter fällt, Gott um etwas zu bitten, als mich nur der Leerheit der Phänomene hinzugeben.

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hat die digitale Welt entscheidend beigetragen. Ich habe Informationen schneller ausgefiltert, weil ich Bücher einfach online ausleihen konnte, und dadurch Zugang zu mehr Literatur zum Thema hatte. Ich bin von einer Webseite zur nächsten gesprungen, bis ich alle für mich relevanten Inhalte aufgespürt hatte. Ich musste mir Vorträge nicht bis zum bitteren Ende anhören, denn es ist leichter, ein Video abzuschalten, als einen laufenden Vortrag zu verlassen.

Die digitale Gesellschaft hat es mir ermöglicht, an Informationen zu kommen, die auf analogem Wege viel umständlicher und zeitintensiver gewesen wären. Wenn ich einen Facebook-Post angeklickt habe, dann wurden mir automatisch weitere vorgeschlagen, dann noch mehr, ergänzende, weiterführende, meistens alles relevant. Wenn ein Post nicht relevant für mich war, konnte ich ihn einfach wegklicken und Facebook auffordern, mir weitere Links wie diese zu ersparen. Das hat dazu geführt, dass ich schließlich nur noch für mich relevante Infos bekam. Für mich eine klare Bereicherung.  

 

Kurz

Ich bin persönlich viel schneller vorangekommen, als das ohne digitale Welt möglich gewesen wäre. Aber wir müssen uns auch fragen, wo die Grenzen liegen, und da sind wir alle ein bisschen „Der kleine Lord“. Nicht alles, was fortschrittlich ist, muss auch gut sein. Nicht jede digitale Errungenschaft nützt mir, nicht jede Information bringt mich weiter. Wir sollten alle unser persönliches Tun hinterfragen (und andere anregen, das ebenfalls zu tun) und nach Wegen suchen, den „Earl“ milde zu stimmen, um eine bessere und ehrliche digitale Gesellschaft zu erreichen.

 

Diese Frage, was die digitale Gesellschaft für mich persönlich bedeutet, stelle ich mir nicht alleine. Das SaarCamp hat in diesem Zusammenhang zu seiner Blogparade „DigitaleGesellschaft“ aufgerufen, an der ich mich mit diesem Artikel beteilige.



 

 

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